Seit alters wird in Japan das Weltall als eine Erweiterung der Natur angesehen, mit dem die Menschen durch Gedichte, Lieder und Erzählungen vertraut sind. Auch bei Japans Weg zur Erschließung des Weltalls spiegelt sich diese einzigartige kosmologische Sichtweise wider.

Bild: In dieser Szene aus dem „Taketori Monogatari Emaki“ („Bildrolle der Geschichte vom Bambusfäller“) ist Prinzessin Kaguya (oben rechts) abgebildet, wie sie die Erde verlässt, um mit ihrem Gefolge zum Mond zurückzukehren. (Sammlung der National Diet Library)
Der Mond – stets so nah
Das „Taketori Monogatari“ („Die Geschichte vom Bambusfäller“) ist das älteste Beispiel japanischer „monogatari“-Literatur (fiktionale Prosaerzählungen), das um das 9. Jh. herum verfasst wurde. In dieser Geschichte spielt auch der Mond eine wichtige Rolle. Die vom Mond stammende Prinzessin Kaguya wächst auf der Erde zu einer jungen Frau heran, bevor sie schließlich zum Mond zurückkehrt, um so einem Heiratsantrag des Kaisers zu entkommen, der sich – betört von ihrer Schönheit – in sie verliebt hatte. Die Geschichte beschreibt die unbeständige Natur des Lebens auf der Erde sowie die Unsterblichkeit, die mit der Welt des Monds assoziiert wird. Auch das „Sagoromo-Monogatari“ („Geschichte von Sagoromo“) beinhaltet eine Szene, in der der Held Sagoromo, ein adliger Beamter, Besuch von einer Gottheit erhält, die vom Mond herabsteigt, als er vor dem Kaiser auf seiner Flöte spielt. In beiden Erzählungen treten Besucher vom Mond auf, was darauf hindeutet, dass die Menschen in Japan himmlische Wesen nicht als etwas Fernes und vollkommen von der Erde Getrenntes betrachteten, sondern mit ihnen durch ein beträchtliches Maß an Nähe verbunden waren.
Das Weltall als Erweiterung der Natur
Die Shinto-Religion, die seit alters in Japan praktiziert wird, fußt auf dem Glauben, dass alle Dinge von „kami“ (Geistwesen, Gottheiten) erfüllt sind – „yao-yorozu no kami“, „Myriaden von Gottheiten“ – einschließlich Berge, Meere, Flüsse und Bäume. Da die Menschen in Japan ihren Lebensunterhalt vor allem durch Landwirtschaft inmitten der natürlichen Umwelt bestritten, die sie sowohl mit Segnungen als auch Gefahren assoziierten, war diese nicht nur Gegenstand der Ehrfurcht und Angst, sondern auch der Verehrung. Daraus folgte, dass auch himmlische Wesen zu den „Myriaden von Gottheiten“ gezählt wurden. Sonne und Mond wurden als „Amaterasu Omikami“ bzw. als „Tsukuyomi no Mikoto“ vergöttlicht. Während beide so zu Ausnahmen unter den „kami“ wurden, wurde ihnen großer Einfluss auf das Leben der Menschen nachgesagt. Indem die himmlischen „kami“ grundsätzlich genauso wie die irdischen „kami“ aufgefasst wurden, wurde das Weltall als eine Erweiterung der Natur angesehen.
Diese in Japan bestehende kosmologische Sichtweise kommt auch in Gedichten und Liedern zum Ausdruck. Das „Manyoshu“ („Sammlung von Zehntausend Blättern“), die älteste japanische Gedichtsammlung, die im 7. und 8. Jh. zusammengestellt wurde, enthält mehr als hundert Gedichte, in denen der Mond beschrieben wird. In der gleichen Weise wie die Dichter Berge, Flüsse, Pflanzen und andere Phänomene der Natur als Objekte ihrer Gefühle verwendeten, taucht auch der Mond in ihren Werken auf. Der Dichter Matsuo Basho aus der Edo-Zeit (1603-1868) dichtete das folgende „haiku“:
„Araumi ya / Sado ni yokotau / Amanogawa”
Die stürmische See / sich bis Sado erstreckend / die Milchstraße
Sein Gedicht, inspiriert von der Schönheit der Natur, setzt das Bild von der Insel Sado inmitten der rauen Gewässer des Japanischen Meeres neben die Milchstraße, auf Japanisch „Amanogawa“ („Himmlischer Strom“), die sich weit oben am Himmel erstreckt. Das Gedicht ist erfüllt von einer typisch japanischen Empfindung, die Himmelskörper und Natur als ein integrales Ganzes betrachtet.

Bild: Die Milchstraße erstreckt sich am Himmel über der Insel Sado, genauso, wie Matsuo Basho es in seinem „haiku“ beschrieben hat. (Foto: Aflo)

Bild: Eine astronomische Karte in der Grabanlage von Kitora beinhaltet neben mehr als 350 Sternen auch Kreise, die dem Himmelsäquator und der Ekliptik (der scheinbaren Bahn der Sonne) entsprechen. (Fünf Wandmalereien der Grabanlage von Kitora, unter Verwaltung des japanischen Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie)
Die historische Entwicklung der beobachtenden Astronomie in Japan
Die Menschen in Japan begnügten sich jedoch nicht bloß damit, das Weltall wertzuschätzen und zu genießen. Die Errichtung astronomischer Observatorien um das 7. Jh. herum führte zur Etablierung eines Kalendersystems, das auf Faktoren wie der Bewegung der Sonne sowie der Zu- und Abnahme des Monds beruhte. Beim Erstellen von Prophezeiungen orientierte man sich an Phänomenen wie Sonnen- und Mondfinsternissen sowie am Auftreten von Kometen. Die Wände in der Grabanlage von Kitora, die im späten 7./frühen 8. Jh. bemalt wurden, zeigen eine der ältesten Sternenkarten der Welt. Dies verdeutlicht, dass die Menschen damals die Himmelskörper beobachteten und über genaue Informationen zu ihren Bewegungen verfügten. Die Einführung westlichen Wissens im 17. Jh. führte zu weiteren Fortschritten im Bereich der Forschung, etwa die Verwendung von Teleskopen und Armillarsphären (Instrumente zur astronomischen Beobachtung). Dies führte schließlich zur Schaffung der Grundlagen der modernen Astronomie.

Bild: Das Versorgungsraumschiff KOUNOTORI-9 dockt für eine Versorgungsmission an der ISS an. (Foto: JAXA/NASA)

Bild: „Fugaku Hyakkei: Torigoe no Fuji” (“Hundert Ansichten vom Berg Fuji: Der Fuji von Torigoe aus betrachtet“), eine „ukiyo-e“-Druckgrafik, zeigt das Astronomische Observatorium von Asakusa (gegründet 1782) mit seiner Armillarsphäre vor dem Hintergrund des Berges Fuji. (Sammlung der National Diet Library)

Bild: Kibo, ein Modul der ISS zur Durchführung von Experimenten (Foto: JAXA/NASA)
Auf dem Weg zu Koexistenz und Harmonie in der Weltraumforschung
Dank der Erfolge der von Japan eigenständig entwickelten H3-Trägerrakete und der Missionen kleiner Satelliten zählt das Land heute in der Weltraumforschung zu den fortschrittlichsten Nationen weltweit. Eine Besonderheit, die Japan darüber hinaus auszeichnet, besteht darin, dass es technologische Entwicklungen nicht allein im Sinne des Wettbewerbs betrachtet, sondern vielmehr der Kooperation mit anderen Ländern zur friedlichen und nachhaltigen Nutzung des Weltalls Priorität beimisst.
Die Internationale Raumstation (ISS), ein Gemeinschaftsprojekt von fünf internationalen Organisationen, bietet dafür ein gutes Beispiel. Mit dem von Japan entwickelten Kibo-Modul, das eine wichtige Rolle als Forschungsplattform spielt, und dem unbemannten Raumschiff KOUNOTORI (HTV), das Versorgungsmissionen durchführt, stellt Japan grundlegende Unterstützungsfunktionen für dieses Projekt bereit, für die es von anderen Ländern hohes Lob erfährt.
Auch Projekte aus dem Privatsektor zur Beseitigung von Weltraummüll stellen ein einzigartiges Engagement von japanischer Seite dar, um den Weltraum als einen nachhaltigen Ort zu bewahren. Zusätzlich setzt sich das Land aktiv für die technische Unterstützung aufstrebender Nationen im Bereich Weltraumforschung ein.
Die seit alters bestehende japanische Sichtweise des Weltalls als ein integraler Bestandteil der Natur spiegelt sich deutlich in dem Ansatz wider, den Japan bei diesem Thema verfolgt. Der Weltraum wird nicht allein als ein Ort zur Leistung von Pionier- und Entwicklungsarbeit betrachtet, sondern als eine neue Bühne für die Koexistenz von Menschen aus aller Welt.
(Beratung: Prof. em. Dr. FUTAMASE Toshifumi. Geboren 1953. Professor Emeritus der Tohoku University mit dem Fachgebiet Astrophysik. Verfasser u.a. von „Nihonjin to Uchu“ („Die Japaner und das Weltall“) und „Kiso kara Manabu Uchu no Kagaku: Gendai tenmongaku e no shotai“ („Weltraumforschung von Grund auf lernen: Eine Einladung zur modernen Astronomie“).
Das Original dieses Beitrags wurde von niponica, dem Web-Magazin von Web Japan (Außenministerium von Japan), übernommen und für NEUES AUS JAPAN ins Deutsche übersetzt. Den Originalbeitrag (in englischer Sprache) finden Sie hier: https://web-japan.org/niponica/niponica38/en/feature/feature02.html